PEGIDA oder der Zorn des Volkes

Ist das, was sich da in Dresden, Bayern, Bonn, Darmstadt, Düsseldorf, Köln, Leipzig, Würzburg oder in Kassel unter dem Slogan „Wir sind das Volk“ artikuliert berechtigter Zorn des Volkes? Sind es besorgte Bürger die Angst um die „christlichen Werte“ des Abendlandes haben? Sind es vielleicht arme Verführte, die den eingängigen Slogans hinterherlaufen? Oder ist es schlicht der Pöbel der sich aufmacht den Volksfeind zu bekämpfen?

Ich hab mal drüber nachgedacht.

Was ist PEGIDA? (Patriotische Europäer Gegen die Islamisierung des Abendlandes)

Fangen wir mal mit dem patriotischen Ansatz an. „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt.“ Klingt ganz harmlos. Und richtig jeder darf seine Heimat, sein Vaterland lieben. Die Frage ist nur wo die Grenze zum Nationalismus oder Rassismus ist, der davon lebt sich abzugrenzen, das Fremde, das Andere zu negieren und herabzusetzen.

Europäer? Wie erklärt sich die hohe Zustimmung bei der AfD die ja bekanntlich Europa für eine Fehlkonstruktion hält? Nach einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid im Auftrag des Nachrichtensenders N24 hatten Mitte Dezember 2014 jeweils 53 % der Ostdeutschen und 48 % der Westdeutschen Verständnis für die Demonstrationen von PEGIDA. Die Zustimmung betrug bei den Anhängern der AfD 86 %, bei der Union 54 %, der SPD 46 % und bei den Linken und den Grünen jeweils 19 %. 43 % der Deutschen glauben, dass sich hinter den Teilnehmern der PEGIDA-Demonstrationen vor allem „über die Ausbreitung des Islams besorgte Bürger“ befänden. 33 % der Deutschen vermuten, dass die PEGIDA-Demonstrationen mehrheitlich von Rechtsradikalen besucht werden. (Quelle Wikipedia)

Islamisierung? Dazu sollte man zunächst mal einen Blick auf die Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften in Deutschland werfen: Entwicklung_Religionen_DeutDie Grafik (Quelle: Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland) zeigt wie sich die Religionszugehörigkeiten in Deutschland entwickelt haben. Man sieht das die am stärksten gewachsene Gruppe die der Konfessionslosen ist. Der Anteil der Muslime ist seit der Wiedervereinigung ziemlich gleich geblieben, während die christlichen Religionsgemeinschaften sehr deutlich an Mitgliedern verloren haben. Der Anteil der Muslime wird auf 3-5% geschätzt. Dabei geht die Forschungsgruppe eher davon aus, dass nur etwa bis zu 50% der als zu den Muslimen gezählten tatsächlich Muslime sind und alle anderen eher zu der Gruppe der Konfessionslosen gehören.

Abendland? Der Begriff wurde immer schon verwendet, um eine eigene westliche kulturelle Identität vom Islam abzugrenzen.  Im nationalkonservativen, rechtspopulistischen oder rechtsextremen Kontext und jetzt auch bei Pegida wird behauptet, das „jüdisch-christliche Abendland“ müsse gegen eine angeblich drohende Islamisierung verteidigt werden.  Der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hält den Begriff  des „jüdisch-christliche Abendland“ jedoch irreführend.  Tausend Jahre lang habe das christliche Abendland alles daran gesetzt, die Juden auszugrenzen und als Sündenböcke zu diskriminieren. Wird da einfach ein altes Feindbild neu aufgelegt? Kommt als nächstes der Aufruf zu neuen Kreuzzügen?

Nun formiert sich eine Gegenbewegung. “Bunt”, “Vielfalt” und “Multikulti” wird von den Gegendemonstranten hochgehalten. Wer da mitläuft fühlt sich gut dabei. Ganz pauschal wirft man alle die sich unter dem Pegida-Schirm versammeln in einen Topf. Aber sind die anderen, die Pegida-Demonstranten, wirklich nur die ewig Gestrigen, die Dummen oder Verführten?? Wenn man den Statements aus der Politik zuhört ist das genau der Erklärungsansatz der ins Konzept passt.  Brav erfüllen die Gegendemonstranten die ihnen von der politischen Klasse zugedachten Aufgabe.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte es für wichtig sich gegen Ausgrenzung und Rassismus zu wehren. Ich bin überzeugt, das von den Muslimen keine Gefahr droht. Ich frage mich aber auch, wieso Europa (genauer alle westlichen Demokratien  sich mit Zäunen, Mauern und Grenztruppen wie Frontex derart einmauern müssen.

Der Ruf “Wir sind das Volk” war auch 1989 nicht von der Sehnsucht nach Demokratie oder gar nach einer kapitalistischen Gesellschaft getragen, sondern es war der Frust über die herrschende politische Klasse, über die vielen Behinderungen und Begrenzungen, über das ständige Beobachtet und Überwacht werden. Die Hoffnung auf ein Leben ohne diese Begrenzungen trieb tausende auf die Straße.

Genau da liegt auch das Potential aus dem die Pegida-Aktivisten Mitläufer rekrutieren. Hinter dem Ruf “Wir sind das Volk” steckt auch hier vor allem der Frust über die herrschende politische Klasse, über eine Gesellschaft die zunehmend von den Egoismen der Habenden bestimmt wird. Die Gruppe der Habenichtse, der Abgehängten und “Versager” wird immer grösser. Nicht wegen des Unvermögens der Betroffenen sondern wegen der fast vollständigen Vernichtung der Werte einer solidarischen Gesellschaft. Wie soll jemand der Harz IV bezieht Solidarität üben wenn er erlebt, dass wirtschaftlich erfolgreich sein und unsolidarisches Verhalten wie  siamesische Zwillinge zusammen gehören.

Und so werden beide Gruppen instrumentalisiert. Die Pegida-Demonstranten von rassistischen Rechtsradikalen und rechten Popolisten und die Gegendemonstranten von einer politischen Klasse die ihr eigenes Volk längst abgehängt hat.

Ganz interessant ist in diesem Zusammenhang der folgende Artikel in der Wirtschaftswoche:  „Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus“ Der Soziologe Wolfgang Streeck beschreibt darin die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Von ihm stammt auch die folgende Feststellung: „Es scheint einen Imperativ zu geben: Die Forderungen des Finanzsektors an die Staaten müssen absoluten Vorrang haben vor den Forderungen der Bürger an die Staaten.“ Wen wundert es da wenn die frustrierten Bürgern den schlichten Parolen von Pegida hinterherlaufen. Der Feind “Islam” lässt sich im Gegensatz zum Finanzsektor personalisieren.


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