Armuts- und Reichtumsbericht

Da ist die Empörung groß über den „geschönten“ Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Aber ist der Vorwurf berechtigt, kann man wirklich von einer Fälschung sprechen wie Andrea Nahles behauptet???

Um da in der Beurteilung weiter zu kommen, muß man zu nächst Klarheit darin herstellen was mit den Begrifflichkeiten tatsächlich gemeint ist. Bei Andrea Nahles, auch bei anderen, geht es mit EInkommen und Vermögen ziemlich durcheinander. Wenn man etwas intensiver den Begriff „Einkommen“ hinterfragt, ist zunächst festzustellen, dass Einkommen aus unterschiedlichen Quellen entsteht. Der größte Teil der Bevölkerung bezieht sein Einkommen aus Arbeit. Wenn Andrea Nahles von einem Mindesteinkommen von 8,50€ Stundenlohn spricht, dann fordert sie nicht ein auskömmliches Einkommen, sondern ein monatlichen Bruttolohn von 1400 €. Durchschnittsbruttoeinkommen 2010 waren 2136€ oder 1420€ netto). Netto bleiben vom Mindestlohn dann ca. 1030 € für einen Ledigen ohne Kinder. Also kein Einkommen mit dem man große Sprünge machen, fürs Alter vorsorgen oder Vermögen schaffen kann.

Dann gibt es dann noch einen deutlich kleineren Teil der Bevölkerung, der sein Einkommen nicht aus Arbeit sondern aus Vermögen (Kapitaleinkommen) bezieht. Unterstellt man einen Zinsertrag von 2% p.a. braucht man ein Kaptitalvermögen von ca. 840.000 € um ein dem Mindestlohn von 8,50€ vergleichbares Einkommen zu erzielen. 1,25 Mio. € bräuchte man um das Durchschnittseinkommen zu erzielen. Nur das Durchschnittseinkommen aus Arbeit wird mit ca 34% Steuern und Sozialabgaben belastet, während das Einkommen aus Kapitalerträgen pauschal mit 25% besteuert und von Sozialabgaben frei bleibt. (Wenn das Vermögen dann in der Schweiz oder Luxemburg liegt wird`s natürlich noch günstiger was die Steuerbelastung angeht)

Nun zu der Einkommensschere die sich laut DIW (Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung) etwas geschlossen hat. Da ist die Aussage: „Die verfügbaren Einkommen der unteren 40 Prozent der Bevölkerung legten im Jahr 2010 im Vergleich zu 2009 real um etwa zwei Prozent zu … während die mittleren und oberen Einkommen stagnieren.“  Das bedeutet, dass der Mindestlohn um 17 Cent gestiegen ist (macht monatlich ca. 28€ aus), während das Durchschnittseinkommen gleich geblieben ist.  Mehr bedeutet das nicht.

In der gleichen Studie des DIW ist eine weitere interssante Ausage enthalten:“ Trotz der Einkommenszuwächse hat sich das Armutsrisiko aber kaum verringert. 14 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen müssen mit höchstens 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen – das entspricht etwa 990 Euro monatlich – und gelten damit als armutsgefährdet.“

Damit kämen wir zur Vermögensverteilung.  Und wie diese Verteilung aussieht zeigt die Reichtums- und Armutsuhr:

Wie man sieht, hat ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung einen sehr großen Teil des Vermögens. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass dieses Vermögen wie in dem Beispiel oben 2% p.a. an Zinsertrag bringt dann wäre das ein Einkommen von  96,5 Milliarden € für die obern 10% der Vermögenden. Wenn man den Aussagen der auf Investment spezialiesierten Banken glaubt dürfte die tatsächliche Durchsschnittsrendite aber eher bei 6% (ca. 290 Milliarden €) liegen.

Nun zu der Frage was bedeuten Einkommensverteilung und Vermögensverteilung denn dann in Zusammenhang? Eigentlich ganz einfach. Begreifen wir Deutschland mal als eine große Firma zu der die gesamte Bevölkerung gehört. Alle leben davon was diese Frima erwirtschaftet.  Das wäre dann das Bruttoinlandprodukt. Im Jahr 2010 waren das 3,2 Billionen US$.  Das bereinigte Nettoeinkommen, also der Gewinn der Firma betrug 2010 immerhin 2,88 Billionen US$. Tatsächlich erarbeitet haben das aber nur 90% der Firmenangehörigen. Die restlichen 10% der Bevölkerung müssen gar nicht arbeiten. Ihr Einkommen wird von den restlichen 90% mit erarbeitet.
In einem echten Unternehmen gäbe es einen Betriebsrat der wahrscheinlich auf die Barrikaden ginge wenn 10% der MitarbeiterInnen ein Gehalt beziehen ohne je einen Handschalg dafür zu tun.

Damit wird auch deutlich das Armut und Reichtum nicht zwei Enden an einer Skala sind, sondern das Reichtum sich daraus generiert, dass es andere (die breite Masse der Bevölkerung) gibt,  die weniger bekommen als es ihrem tatsächlichen Beitrag zum Gesamtergebnis entspricht. (Mir ist natürlich klar, dass diese Rechnung sehr vereinfachend ist, aber sie soll ja auch nur deutlich machen wie unsere Gesellschaft mit ihrem kapitalistischen Wirtschaftsystem funktioniert)

Damit zurück zum Armuts- und Reichtumsbericht. Tatsächlich verrückt er die Maßstäbe. Er hat als Bezugsgrößen keine gesellschaftliche Zielvorstellung, kein Ideal von Gerechtigkeit, noch nicht einmal einen sinnvollen Maßstab, was für ein menschenwürdiges Leben und Teilhabe an der Gesellschaft notwendig ist. Tatsächlich liegen dahinter  Vorstellung einer neoliberalen Welt in der Egoismus und Entsolidarisierung quasi als Naturgesetze unverrückbar feststehen. Gäbe es einen Armutsbericht für Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien würde sich zeigen, das die Vermögen und Einkommen der oberen 10% dort gleich gebleiben sind während die Einkommen der restlichen 90% dazu weiter sinken müssen. Bei den unteren 10% steigt wie in der Reichtumsuhr oben nur der Schuldenstand.

Das bedeutet für unsere Gesellschaft langfristig eine Zerreißprobe die sie mit dem was unsere Politiker derzeit zu bieten haben nicht überstehen wird.

Peer Steinbrück, der gemeinsam mit Walter Steinmeier nun die Agenda 2010 wieder lobt, hätte mit einer sehr konservativen Anlage seiner Nebeneinkünte von 1,5 Mio € mit den daraus erzielten Zinseinahmen das Durchschnittseinkommen eines normalen Arbeitsnehmers bereits deutlich übertroffen.


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